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Suchtgefahr - World of Warcraft

Welches Suchtpotenzial birgt World of Warcraft?



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Suchtgefahr – World of Warcraft

wenn Gnome zu Freunden werden


Prolog: „Das von Blizzard veröffentliche Online-Rollenspiel „World of Warcraft“ ist fesselnd, macht süchtig und ist ein Realitäts-Killer“. Zuschauer von Sendungen wie dem ZDF Magazin „frontal 21“ werden auf diese Weise vom Moderator in den Themenbereich von Computerspielen eingeführt. An dieser Stelle folgt ein Bericht von einem 14 jährigen Schüler, Max Mustermann, der die Schule vernachlässigt und seine Mitgliedschaft im Fussballclub gekündigt hat, um seine Freizeit in einer imaginären Welt zu verbringen. Entsetzt sitzen Eltern und Unbetroffene vor den Bildschirmen, verstehen nicht warum jemand unsere schöne Welt freiwillig verlässt und sprechen vom falschen Handeln der Eltern. Doch was in den Köpfen jener Suchtopfer dieses Spiels vorgeht wird in diesen Reportagen nicht deutlich, wahrscheinlich würden auch die Einschaltquoten sinken, wenn nicht nach spätestens 20 Minuten über den aktuellen Lebensmittelskandal, den überraschenden Rauswurf eines Bundesliga Trainers oder über die Zukunft von Tokio-Hotel informiert werden würde.

Da ich diese Art der Berichterstattung verabscheue und nicht Einsehen möchte, dass man so mit diesem Thema umgeht, möchte ich Ihnen schildern, aus welchen Gründen vor allem junge Leute anfangen World of Warcraft zu spielen, was sie zu einem längeren Aufenthalt in dieser Welt bewegt, und das sich der Realitätsverlust nicht durch vernachlässigen von Schule oder Beruf und auch nicht durch das Abbrechen von sozialen Kontakten widerspiegelt, sondern sich vor allem im Denken der „Opfer“ zeigt.


Mein Artikel soll sich um einen Tagesablauf eines World of Warcraft Spielers drehen.

Der Tag beginnt früh um 10 Uhr morgens, es wird nicht lange im Bett gedöst, sondern man steht auf. Die erste Amtshandlung des Tages ist das Einschalten des Computers. Da dieser bekanntlich mehrere Sekunden braucht um hochzufahren, wird diese Zeit genutzt, um sich einen Kaffee zu machen. Während das coffeinhaltige Heißgetränk durchläuft wird schon mal das kleine Icon „WoW“ auf dem Desktop angeklickt und unser Warcraft’ler, wie jeder spieler liebevoll von der Community genannt wird, befindet sich direkt in seiner Welt. Ja das ist nun seine Welt, ein zweites Aufstehen sozusagen, und wer kann in unserer realen Welt schon von sich behaupten, von gleich 10 Leuten am Morgen begrüßt zu werden.

Und schon um 10 Uhr morgens finden wir den ersten Grund, warum es ein leichtes ist sich in diese Welt zurückzuziehen. Die Nähe zu befreundeten Spielern existiert an jedem Tag, zu jeder Uhrzeit. Sätze wie „heute ist nichts los, muss ich wohl zuhause bleiben“ gibt es für einen World of Warcraft spielenden nicht, irgendwer ist immer da, ja auch am heiligen Abend finden sich hunderte Spieler unter dem Christbaum in Ironforge wieder, überreichen sich Geschenke, um dann zusammen Abenteuer zu bestehen. Denn in dieser Welt ist es nicht schwer etwas zu erleben, schliesslich gibt es den örtlichen Greifenmeister, der einen für ein paar Silberlinge einen Flug gewährt, um in andere Länder zu fliegen. Zeppelin und Schiff geben dann Möglichkeit auch auf dem anderen Kontinent Unholde zu jagen. Es wird eben nie langweilig in der World of Warcraft. Denn die ersten gespielten Tage verbringt man mit vorsichtigem „Leveln“ des Charakters. Das heisst, der Neuanfänger verbringt die ersten 30-40 Tage damit, die höchste Charakterstufe zu erreichen. Das bedeutet 720-960 Stunden die man an dieses Spiel gefesselt ist. Nun, während dieser Zeit kommt man eine menge rum, und lernt folglich eine Menge anderer Spieler kennen. Man tritt in Gilden ein, freundet sich mit anderen Spielern an oder bildet kleine Gruppen, um Quests erfolgreicher absolvieren zu können. Ab diesem Zeitpunkt beginnt der Spieler auf dem schmalen Grad zwischen Spiel und einer 2. Realität zu balancieren. Nun, ich kann versichern, dass wohl jeder Spieler angesichts 800 stunden Spielzeit seinen Charakter nicht einfach vernachlässigen wird, denn nun geht es ans sammeln und suchen, nach Gold und vor allem neuen Gegenständen. Und daher werden den 800 Stunden Spielzeit noch einige folgen. Denn Blizzard bietet seinen Kunden nun verschiedene Möglichkeiten an, weitere Ziele zu erreichen. Im so genannten PvP (Player versus Player) treten die Fans der World of Warcraft gegeneinander an, im Kampf um Ehre versucht jeder seinen PvP-Rang seines Charakters zu erhöhen, um so an neues Equipment zu kommen. Wichtig ist hierbei, dass die Spieler in Teams kämpfen, also von ihren Mitspielern abhängig sind. Die andere Möglichkeit ist das PvE (Player versus Enviroment). Bei dieser Spielart ist es von Nöten, dass man eine Gemeinschaft bildet, um so Aufgaben zu lösen, die für den einzelnen unlösbar wären. Das Verhalten, der Einsatz und das Geschick der anderen Spieler sind also wieder von enormer Bedeutung. Die letzte Variante zielt weniger auf den materiellen Erfolg (insofern man überhaupt von materiell in diesem Bezug sprechen kann) an. Diese Spielart nennt sich „RP“ (Role Playing). Die Spieler versetzen sich in die Lage ihrer Charaktere, treffen sich mit Gleichgesinnten und versuchen sich ihrem Charakter getreu zu unterhalten. Wie dieses genau abläuft soll jedoch für meinen Artikel unerheblich sein. Wichtig ist nur, dass bei jeder genannten Spielform der Gemeinschaftseffekt von Bedeutung ist. Verbringt man viel Zeit mit anderen Spielern freundet man sich automatisch mit diesen an. Interessant ist hierbei jedoch, dass es für Alle völlig uninteressant ist, was für ein Mensch sich hinter der Fassade verbirgt. Auf den ersten Blick nimmt man nur ein kleines Wesen in einer imaginären Welt wahr, welches entweder als Feind oder als potenzieller Freund angesehen wird. Worauf ich hinaus will ist, dass Äußerlichkeiten und politische oder soziale Meinungen keine Rolle spielen, da man diese auf den ersten Blick gar nicht bemerken kann. Es kommen also Spieler aus den verschiedensten sozialen Schichten zusammen und haben plötzlich keine klar definierten Gegensätze mehr, die eine Kommunikation unmöglich machen.. Es gibt also keine Stereotypen, die eine Person von vornherein einsortieren.

Und so kommt es, dass vor allem Kinder, Jugendendliche und auch Erwachsene die unter solchen Vorurteilen leiden, sich schnell in diese Welt zurückziehen.

-Ein World of Warcraft Kunde ist nie allein-
Dieser Satz hört sich zwar zunächst gut an, birgt jedoch eine vielzahl von Gefahren, die einen Spieler dazu verleiten können das reale Leben in den Hintergrund zu stellen. Ob dieses in Form der Vernachlässigung von sozialen Kontakten oder Schule/Beruf etc. ist, sei zunächst dahingestellt. Er stellt sein Leben nach einem Computerspiel ein, und lässt sich von der Sucht mitreißen.

Um dies anhand des Tagesablaufs zu beschreiben, ist zu sagen, dass unser World of Warcraft Spieler nun bis ca. 13.30 Uhr Zeit für sich hat. Das heisst mit Bekannten tratschen und ein paar Besorgungen machen, um sich gut für die nächste Raid (eng. „Schlachtzug) vorzubereiten. Diese bläst um gegen 14 Uhr zum Appell, die nächsten Stunden im Leben dieser 40 Spieler sind nun mehr oder weniger gebunden. Da dies ein Sonntag ist beginnt die Raid gegen 14 Uhr und endet spät gegen 23 Uhr. Eine kleine Essenspause zwischen 19 und 20 Uhr inbegriffen. Obwohl unser Spieler eigentlich an diesem sonnigen Tag lieber etwas privat unternehmen möchte, nimmt er an der Raid teil, um sich unter der Woche einen Stammplatz zu garantieren. Denn schliesslich zieht der Schlachtzug auch Montag bis Donnerstag los. An diesen Tagen jedoch nur von 18-23 Uhr – ohne pause.

Nun, wer erfolgreich seien will muss mitmachen, wer zu oft fehlt rückt auf die Ersatzbank oder wird ganz von kommenden Raids ausgeschlossen. Man sieht, viel Zeit für privates bleibt nebenbei nicht mehr. Wer jetzt noch Arbeiten oder zur Schule muss, dem fehlt schlicht und ergreifend die Zeit. Man befindet sich in einem Teufelskreis. Jeder Tag ist mit dem wichtigsten Hobby ausgefüllt. Es gibt feste Zeiten an denen man durch die Gemeinschaft verpflichtet ist, und auch sonst gibt es eine Menge zu erledigen, um seinen Charakter weiterzubringen. Ein Ende gibt es nicht. Denn noch bevor man die besten Gegenstände zusammen gesammelt hat, stehen schon neue Instanzen (Parallelwelten in denen Schlacht- oder Questgruppen Aufgaben erledigen können) in den Startlöchern, in denen es noch Besseres zu finden gibt. Blizzard macht es möglich. Aber wie ich im Prolog schon erwähnt habe, birgt der Grund des Vernachlässigens der realen Welt, das eigentliche Gefahrengut.
Wer nun einmal tagsüber 12 Stunden lang in dieser Welt war, der wird auch abends vor dem Einschlafen noch an das Spiel denken, und gegebenenfalls sogar davon träumen. Hat jemand ein Buch gelesen, werden sich dessen Gedanken anschließend auch um den Inhalt ranken, so ist der Mensch nun einmal veranlagt. Wer also täglich exzessiv World of Warcraft spielt, wird auch irgendwann beginnen auf der nächsten Party am Wochenende oder beim nächsten Geburtstag der Oma an dieses Spiel zu denken, und nicht selten gewinnen diese Gedanken überhand und man sehnt sich da nach weiterzuspielen.



für nähere Erläuterungen zum Spielsystem und zu Begriffen empfehle ich de.wikipedia.org/wiki/World_of_Warcraft



Dazu im Postpla.net :  Kein Thema angegeben
Geschrieben von legolas am 03.12.06 01:01 (seit dem 7182 mal gelesen)
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Aktuelle Kommentare zu Suchtgefahr - World of Warcraft

Kommentar Von einem Gast (03.03.07 23:52):
Also ich werde es mir ganz einfach machen. ich werde da spiel deinstallieren und infach nicht mehr anrühren. ist besser so leute. legt mehr wert auf eure zukunft als auf eine lebensfahse durch die ihr euer leben zerstören werdet......
Kommentar Von einem Gast (02.01.07 23:17):
also ich verstehe voll und ganz was gemeint is... mein freund spielt dieses verdammte spiel(hat kaum noch zeit für mich) und ich überlege mir schon seit wochen ob es nicht irgendwiene möglichkeit gibt einen virus der das spiel angfreift zu bauen...^^...Naja den versuch die spiel cd rom zu verstecken schlug fehl da ja keine benötigt wird... ich bin ratlos .... naja
lg mocha chocalata :p
Kommentar Von einem Gast (06.12.06 14:05):
Echt ein klasse Artikel...
Selbst wenn er nur einen süchtigen zum nachdenken bewegt hat sich die schreibarbeit schon gekohnt!!
:D :) :o :p :( ;) [B] [I] [U] [D] [URL] [EMAIL] [-][+] Neuer Kommentar Kommentar abgeben :

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