Postpla.net: Community-Forum

Zeitrausch & Welt  ->  über Politik-, Weltgeschehen und Wirtschaft

Insgesamt 74 Einträge mit 150342 Zugriffen seit 25.06.2005

Soll der Staat Opel retten?

Opel fordert Staatshilfen um zu Überleben. Eine lohnende Investition oder ein Milliardengrab?



Click for Big
Soll der Staat Opel retten?

Der deutsche Traditionskonzern in der Krise: Trotz guter Verkaufszahlen wird Opel in den Strudel der strauchelnden US-Mutter mit hineingezogen. Sollte der Staat Opel mit Milliardenkrediten helfen oder wäre eine Insolvenz die bessere Lösung?


Letzte Woche sprach die Bundeskanzlerin vor der Belegschaft in Rüsselsheim und machte den Opelanern Mut für die Zukunft. Die Bundesregierung helfe aktiv bei der Suche nach Investoren und eine Bürgschaft sei möglich. Einen Einstieg beim angeschlagenen Autobauer lehnte sie weiterhin ab.
Die CDU hat sich also vor der Bundestagswahl strategisch positioniert: Keine Staatsbeteiligung, das wäre für das konservative Wählerklientel zu viel. Aber doch Bürgschaften, die 100.000 Jobs und Wähler bei Opel und den Zulieferern sichern sollen.
Doch was soll man von dieser Einflussnahme halten? Handelt es sich hier um die Rettung eines Unternehmens, welches durch die Finanzkrise unverschuldet in Zahlungsschwierigkeiten geriet oder sind die Probleme hausgemacht? Ist eine Fortführung überhaupt möglich oder verbrennt der Staat mit seinem Engagement nur Milliarden an Steuergeldern?


Wie alles begann:


Durch die hohen Spritpreise und die darauffolgende Finanzkrise wurde General Motors, der Mutterkonzern von Opel, seine spritfressenden Modelle nicht mehr los. Das Unternehmen häufte Milliarden Verluste an und musste schließlich durch die amerikanische Regierung mit milliardenschweren Krediten am Leben gehalten werden. Doch auch diese riesigen Summen reichen nur noch wenige Monate und so muss GM in 60 Tagen sein Sanierungskonzept vor der amerikanischen Regierung vorlegen damit weitere Gelder fließen. Opel ist von dem Liquiditätsengpass des Mutterkonzerns direkt betroffen. Stirbt GM, würde der deutsche Traditionsautobauer unweigerlich mit in den Strudel gerissen werden.


Wie sehen die Rettungskonzepte aus?

Opel fordert eine Loslösung der europäischen Marken aus dem GM-Verbund. Diese sollen zu einer eigenständigen Marke mit Hauptsitz in Rüsselsheim geformt werden. Die Regierung setzt auf einen privaten Investor, doch der ist in Zeiten von verschärften Kreditbedingungen durch die Finanzkrise schwer zu finden. Der Autobauer selbst fordert einen Einstieg des Staates, doch dieses Konzept ist vor allem in der CDU umstritten, da oftmals argumentiert wird: „Der Staat ist nicht der bessere Unternehmer.“
Unumstritten ist, dass GM mit im Boot bleiben muss. In Amerika liegen alle wichtigen Patente und der gemeinsame Einkauf von Teilen mit dem zweitgrößten Autobauer der Welt bringen Kostenersparnisse von 30%.
Ein Kompromiss könnte wie folgt aussehen: Ein privater Investor übernimmt eine Sperrminorität (also über 25%) an Opel und wird dafür im Gegenzug von den europäischen Regierungen für mehrere Jahre mit Krediten versorgt.
Letzten Gerüchten zufolge interessieren sich Scheichs aus Abu Dhabi für den angeschlagenen Autobauer. Die arabischen Ölstaaten sind weltweit auf der Suche nach Investitionsmöglichkeiten für ihre Ölmilliarden um sich von dem „schwarzen Gold“ unabhängiger zu machen.


Was spricht für Staatshilfen?

Opel ist im Kleinwagensegment stark vertreten. Diesem Markt werden in der Zukunft aufgrund der Umweltdebatte und hohen Spritpreisen gute Wachstumschancen eingeräumt. Die Modellpalette ist mit dem Corsa und dem neuen Insignia gerade erst erneuert worden und die Absatzzahlen für das erste Quartal 2009 sind um 60% höher als im Vorjahreszeitraum. Dies liegt aber auch zum großen Teil an der staatlichen Abwrackprämie, die für jedes verschrottete Auto bei gleichzeitigem Neuwagenkauf eine Prämie von 2500€ zahlt.
Die europäischen Fabriken wurden 2007 einem strikten Sparkurs unterzogen. Tausende Mitarbeiter mussten gehen und die Produktion ist somit sehr schlank.

Es ist auch eine Frage der Gerechtigkeit: Banken bekommen Milliarden an Staatshilfen. So verschlang alleine die Hypo Real Estate mit gerade einmal 2500 Mitarbeitern bis heute 100 Milliarden Euro an Steuergeldern. Gerade wurden die Bürgschaften noch einmal um 10 Milliarden erhöht, die Zeitungen berichteten in einem zehn Zeilen Artikel am Rande. Wenn ein Unternehmen wie Opel, welches für die Finanzkrise nicht verantwortlich ist, drei Milliarden verlangt, füllt das die Titelseiten und die Politik zaudert. Viel halten das vielleicht zu Recht für unangemessen.


Was spricht dagegen?

Opel ist im Gegensatz zu den Banken nicht „systemrelevant“, dass heißt wenn der Autobauer Pleite geht gerät nicht das ganze System einem Kartenhaus gleich ins Wanken.
Würde zum Beispiel die Hypo Real Estate Konkurs anmelden, dann wären viele Kommunen und Gemeinden dem Bankrott nahe, weil sie bei Banken mit Anleihen spekuliert haben. An Opel hängen direkt und indirekt bis zu 100.000 Jobs. Dieser Verlust ist für Deutschland schmerzhaft, aber nicht lebensbedrohlich. Das System ist nicht betroffen.
Bei einem Einstieg des Staates ist eine Rettung keineswegs sicher. Das Investment könnte sich auch als nutzloses Milliardengrab entpuppen. Zum Einen ist es schwierig den Abfluss der Gelder in die USA zu verhindern, zum Anderen ist eine Trennung fast unmöglich.
Die Frage der Patentrechte ist ungeklärt und auch der Einkauf würde sich bei einem Absatz von nur geschätzten 2 Millionen Fahrzeugen im Jahr um 30% verteuern.
Opel wäre also schlichtweg zu klein um auf dem globalen Markt zu überleben. Außerdem ist GM hochgradig von der deutschen Tochter abhängig. Sie alleine verfügt in dem Mega-Konzern über das Know-How zum Bau von spritsparenden Kleinwagen. GM kann also Opel nicht ganz aus seinen Fängen lassen.
Opel wird oft als „Opfer“ der Finanzkrise gesehen. Dabei wissen viele nicht: Die gesamte Branche leidet schon seit Jahren unter enormen Überkapazitäten. Jährlich könnten rund um den Globus 80 Millionen Fahrzeuge montiert werden, es werden aber nur 50 Millionen abgesetzt.
Die Finanzkrise war also nicht die Ursache für die aktuelle Krise, sondern hat ihre Symptome nur verstärkt. Ursache sind strukturelle Probleme, die sich nur mit einer „Marktbereinigung“, sprich der Pleite mehrerer Hersteller, lösen lassen.



Mein Fazit:

Lasst Opel pleite gehen! Mein Herz schlägt für den deutschen Traditionskonzern mit seinen Wurzeln in Hessen, aber meine Vernunft sagt mir die bittere Wahrheit.
Opel kann nicht gerettet werden und wenn dann nur auf Zeit. Sein Schicksal hängt von der Mutter aus Detroit ab. Letztendlich entscheidet das Pentagon über die Fortführung von Krediten und damit auch über das Überleben von Opel. Wird GM gerettet, dann hat es auch Opel geschafft. Denn die Amerikaner brauchen die Deutschen wegen ihrer spritsparenden Modelle.
Dreht Washington GM den Geldhahn zu, dann bringen auch deutsche Staatshilfen nichts mehr. Opel ist zu klein, um alleine zu überleben.
Außerdem heißt Insolvenz nicht direkt der Verlust von allen Arbeitsplätzen. So hat Mercedes Interesse am Corsa Werk in Eisenach bekundet. Und so könnte sich der „Worst-Case“ im Endeffekt vielleicht als doch keine so schlechte Lösung erweisen.



Dazu im Postpla.net :  Kein Thema angegeben
Geschrieben von NewNews am 09.04.09 08:08 (seit dem 2535 mal gelesen)
100% /  Lupuz Rank 10  Mit insg. 1 Bewertungen erreichte dieser Artikel 100 Prozent.
Bewerte mit (nur für Benutzer) :

Ähnliche Artikel zu Soll der Staat Opel retten?

Aktuelle Kommentare zu Soll der Staat Opel retten?

:D :) :o :p :( ;) [B] [I] [U] [D] [URL] [EMAIL] [-][+] Neuer Kommentar Kommentar abgeben :

Artikel Autor