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Der rote Faden

Ein scheinbar profanes Fluginstrument trotzt jeglicher Form von High Tech



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Jens Schulz, Speed Astir, LVN, Flug im Gebirge
Ein scheinbar profanes Fluginstrument trotzt jeglicher Form von High Tech

Im heutigen Zeitalter gibt es auch im Segelflugzeug alles an Hightech was man sich vorstellen kann. Ein elektrisches Variometer ist da schon fast veraltet. Es gibt auch Navigationsgeräte wie das GPS. Dennoch sollte man die herkömmliche Navigation mit Karte, Kurs-Dreieck und Kompass beherrschen. Eine Batterie lässt sich im Zweifelsfall nicht während des Fliegens aufladen. Um ein Segelflugzeug fliegen zu können benötigt man nicht viele Fluginstrumente, wenn sicher der Fortschritt vieles vereinfacht. Wesentlich sind der Geschwindigkeitsmesser, der Höhenmesser und das Variometer. Das Variometer zeigt an, wie viel Meter es pro Sekunde fällt oder steigt. Nicht zu vergessen ist der rote Faden, der zeigt einem ob die Strömung anliegt oder nicht. Im freien Luftstrom ist der Wollfaden auf oder vor der Kabinenhaube angebracht. Wenn er in die Richtung der Rumpflängsachse nach hinten zeigt, also sich in der Mitte befindet, fliegt man mit dem geringsten Widerstand. Hängt der Faden nicht mittig und weicht er nach rechts oder links aus, wird das Segelflugzeug seitlich angeblasen und schiebt. Der Faden zeigt einem also an, ob die Strömung anliegt. Um den Faden im Falle des unsauberen Fliegens wieder in den optimalen Zustand zu bekommen, korrigiert man mit dem Seitenruder oder dem Querruder nach. Hängt der Faden links, betätigt man das Seitenruder rechts, das Querruder links. Mit ein wenig Feingefühl hat man den Faden dann wieder in der Mitte und somit wieder einen effektiven Flugzustand. Optimiertes Fliegen ist im Segelflug sehr wichtig, da man durch sauberes Fliegen den Gleitflug verlängert.

Trudeln bedeutet abgerissene Strömung

Dieser Flugzustand gehört zu einer der gefürchteten Flugfiguren überhaupt. Das Flugzeug verliert sehr schnell an Höhe was mit einer ausgesprochen ungewohnten Fluglage verbunden ist. Für Schulungszwecke, aber auch für den Kunstflug kann man den Strömungsabriss bewusst herbeiführen. Das geschieht durchziehen am Höhenruder, was mit dem Steuerknüppel geschieht, dadurch verliert das Flugzeug an Geschwindigkeit, zeitgleich schiebt man das Flugzeug, also der Faden hängt nicht in der Mitte sondern rechts oder links. Dadurch wird ein Flügel ungleichmäßig angeströmt, was einen einseitigen Strömungsabriss am Tragflügel zur Folge hat. Es erfolgt eine Drehung um die Längsachse, die zunächst so heftig sein kann, dass sich das Flugzeug auf dem Rücken befindet. Der Pilot sieht in die Richtung des Himmels und nicht mehr auf den Erdboden. Die Schnauze des Flugzeuges geht dann nach unten, seine Bewegung ist vergleichbar mit der eines fallenden Ahornsamens. Der Fahrtmesser zeigt trotz steiler Fluglage annährend reguläre Werte an. Die Erde dreht sich rasch und kommt rasant näher. Um diesen unangenehmen Zustand des Trudelns zu beenden muss man das Seitenruder, welches etwa in Strömungsrichtung liegt, entgegen der Drehrichtung betätigen. Das Höhenruder sollte man auf gar keinen Fall ziehen, auch wenn es einem logisch erscheint, wenn das Flugzeug kopfüber herunterstürzt. Es kann die Strömungen durch weitere Verwirbelungen so beeinflussen, dass es wirkungslos wird. Drückt man das Höhenruder unterstützt es die Seitenruderbetätigung. Anschließend kann man das Flugzeug weich aber zügig Abfangen.

Flachtrudeln und Steiltrudeln

Die gewöhnlichste Form des Trudelns ist das Steiltrudeln. Flachtrudeln bedeutet, dass der Winkel zwischen Flugzeuglängsachse und Horizontale weniger als 45 Grad entspricht. Das Seitenleitwerk kann so wenig angeströmt sein, dass im Extremfall das Trudeln mit Steuerausschlägen nicht zu beenden ist. Heutzutage werden nur noch Flugzeuge zugelassen, bei denen sich ein Strömungsabriss schnell beenden lässt. Um das Flugverhalten von Flugzeugen im Strömungsabriss zu untersuchen wurden ganz viele Fäden auf einem Flugzeug angebracht. So konnte man immer sehen, wie die Strömung sich am ganzen Flugzeug während herbeigeführter Trudelübungen verhielt. Voraussetzung um keinen Strömungsabriss herbeizuführen ist, dass der Flugmassenschwerpunkt im zulässigen Bereich liegt. Die Mindestzuladung im Führersitz muss erreicht sein um zu verhindern, dass sich der Schwerpunkt in unzulässige Bereiche nach hinten verschoben wird. Beispielsweise mit einem Bleikissen. Segelflieger die sich dieser Zulast bedienen müssen erhalten oftmals den freundlichen Beinamen Bleiarsch. Personen die über der Höchstzulassung liegen haben es da schwerer. Da hilft nur noch eine Diät.

Es gibt statt dem Faden auch noch ein anderes Instrument, was Libelle genannt wird. Das hat denselben Nutzen. Doch es reagiert nicht so empfindsam wie es der Faden tut. Anzunehmender Weise gibt es wohl keinen Flieger der ein Flugzeug so sauber fliegt, wie ein Segelflieger. Bei Motormaschinen ist der Faden aufgrund des Motors wirkungslos. Er ist auch nicht so wesentlich, da ein Motorflugzeug nicht so sauber geflogen werden muss. Aber dadurch bedingt werden Motorflieger mitunter träge das Seitenruder in der Art zu betätigen wie es Segelflieger tun, oder wie der Fall sein sollte.

Quelle für technische Optimierung: Flug ohne Motor von Winfried Kassera©

Heike Schulz


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Geschrieben von Nimbus am 01.07.09 00:12 (seit dem 3867 mal gelesen)
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Aktuelle Kommentare zu Der rote Faden

Kommentar Von jackill (21.11.10 13:29):
Ich habe deinen Beitrag mit Interesse gelesen und fand den Inhalt sehr interessant. Es würde mich freuen, wenn du mehr in diese Richtung Schreiben könnstest, da ich mich für die Fliegerei interessiere.
:D :) :o :p :( ;) [B] [I] [U] [D] [URL] [EMAIL] [-][+] Neuer Kommentar Kommentar abgeben :

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