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Der kleine Tattooknigge

Der kleine Tattooknigge Teil1



Da immer wieder gerne Fragen zum Thema Tätowierungen auftauchen hab ich beschlossen mal einen kleinen Knigge in mehreren Teilen zu verfassen. Normalerweise würde man mit der Geschichte des Tätowierens anfangen aber da die bei der Entscheidung pro oder kontra Tattoo einigermassen uninteressant ist überspringen wir das und widmen uns zunächst dem Tätowieren selbst sowie der Pflege.

Es gibt verschiedene Techniken Farbe dauerhaft in die Haut einzubringen. Da das Durchziehen der Haut mit in Farbe getränkter Tiersehne hierzulande allerdings genauso wenig verbreitet ist wie viele andere Methoden, beschränken wir uns auf die gängigste, das Benutzen einer elektrischen Tätowiermaschine.

Zum Vorgang:
Beim Tätowieren wird durch Einstechen der Haut mit einer Nadel Farbe in die Fibroblastenzellen der mittleren Hautschicht eingebracht, der Dermis. Hierbei ist es besonders wichtig die richtige Stichtiefe einzuhalten, was letztendlich über die Haltbarkeit der Farbe in der Haut entscheidet. Wird die Farbe zu flach eingestochen wird sie mit den alten Hautlagen über die Zeit abgestossen wenn diese sich erneuern. Sitzt die Farbe zu tief kommt es zu Blutungen und somit zur Ausspülung der Farbpigmente. Gleichzeitig kann zu tiefes Einstechen zu unschönen Vernarbungen führen.

Die Nadel:
Bei einer Tätowiernadel handelt es sich nicht um eine einzelne Nadel mit einer Spitze sondern um eine Konstruktion mit vielen. Mehrere Spitzen werden auf eine Nadelstange aufgelötet, wobei man zwischen zwei verschiedenen Nadeltypen unterscheidet, Linern und Shadern. Weiter gibt es für jede dieser zwei Arten verschiedene Konfigurationen in denen sie gefertigt werden, welche sich durch Form und Anzahl der verwendeten Spitzen Unterscheiden.

Die Maschine:
Es gibt zwei unterschiedliche Arten von Tattoomaschinen, Spulenmaschinen und Rotarymaschinen.

Bei der Spulenmaschine wird die durch zwei Spulen erzeugte elektromagnetische Kraft auf einen Schlagarm übertragen, an dem die Nadel befestigt ist. Trifft dieser einen Kontakt unterbricht er den Stromkreis und wird von einer Feder zurückgeworfen, was den Stromkreis wieder schliesst und den Bewegungskreislauf von vorne beginnen lässt. Dieser Vorgang kann sich pro Minute über 3000 Mal wiederholen. Diese Maschinen sind die verbreitetsten und werden von den meisten Tätowierern genutzt.

Die Rotarymaschiene erzeugt Bewegung über einen Excenter, der von einem Elektromotor bewegt wird. Sie findet hauptsächlich im kosmetischen Bereich Verwendung z.B. für "permanent Makeup", aber auch Tätowierer benutzen sie gerne für sehr feine Linien oder Schattierungen. Im Vergleich zur Spulenmaschine sagt man ihr grössere Laufruhe nach und sie ist mit über 15.000 Stichen pro Minute bedeutend schneller.

Die Farbe:
Bei der Farbe gab es früher massenweise Gerüchte und Horrorberichte. Das ging los bei Juckreiz, bis hin zu Krebs und Berichten dass Autolack drin wäre. Was davon nun wahr und was Panikmache ist/war, da scheiden sich die Geister. Tatsache ist aber dass es früher für Tätowierfarben keine gesetzlichen Vorschriften gab und schon eine Menge Mist drin war, seien es nun Stoffe die Allergien auslösen können oder Schwermetalle, die im schlimmsten Falle Krebs verursachen wenn sie in den Körper gelangen. Inzwischen gibt es Richtlinien, die von der FDA, der "Food and Drug Administration" kontrolliert werden und man sollte schon darauf achten dass Produkte die man verwendet oder die an einem verwendet werden diesen Richtlinien entsprechen.

Die Vorbereitung:
Vor dem Stechen gibt es einige dinge die man selbst beachten sollte. 48 Stunden vor dem Termin sollte man keine Drogen, Alkohol, Koffein, Schmerzmittel oder blutverdünnende Medikamente einnehmen. Die Stelle an der tätowiert werden soll wird vorher vom Tätowierer rasiert und man sollte es auch dann erst machen. Zu Hause schon rasieren ist eher nicht so gut, da Hautreizungen je nach Empfindlichkeit manchmal erst einige Stunden nach der Rasur auftreten. Das beste ist die Stelle gar nicht vorzubehandeln abgesehen davon dass man aus gegenseitigem Respekt möglichst gewaschen sein sollte. Weiterhin sollte man gut ausgeruht sein, da mehrere tausend Nadelstiche pro Minute über einen Zeitraum von einigen Stunden durchaus eine Belastung für den Körper darstellen. Auch sollte man etwas im Magen haben, da nicht jeder die Prozedur gut verkraftet und nüchterner Magen zu Kreislaufproblemen führen kann. Das hat auch nichts wie man vielleicht denken mag mit der Statur des betreffenden zu tun. Beim Tätowieren sind schon riesige Kerle umgekippt während kleine Mädels entspannt dagesessen haben.
Das Motiv wird zunächst als Vorlage auf die Haut übertragen. Die gängigste Methode hierfür ist das Übertragen der Aussenlinien und groben Struktur des Motivs auf Matrizenpapier. Dann wird die Haut eingesprüht oder eingerieben und die Matrize aufgedrückt. Dafür gibt es unterschiedliche Möglichkeiten. Ich denke die meisten benutzen zum Abziehen der Blaupause auf die Haut Dettol oder ein Desinfektionsspray, Fettcreme manchmal auch. Da hat wohl jeder seine Vorlieben.
Das Motiv befindet sich jetzt temporär auf der Haut und kann nachgestochen werden.

Das Tätowieren:
Da ich oben schon auf den technischen Ablauf eingegangen bin behandeln wir hier noch kurz das Thema Schmerzen.
Schmerzempfinden ist wie jeder weiss subjektiv, deswegen kann man schlecht sagen dort tut’s weh und dort nicht. Natürlich gibt es Stellen an denen die Empfindlichkeit höher ist. Grundlegend kann man aber sagen dass es durchaus schlimmeres gibt als tätowiert zu werden. Wenn man einigermassen entspannt sitzt oder liegt ist das alles gut auszuhalten. Wichtig ist dass man still hält, der beste Tätowierer nützt nix wenn man zuckt wie ein wilder.

Kommen wir nun zum grössten Streitthema von allen bei Tattoos.

Die Pflege:
Da wird man einiges an Meinungen hören und jeder hat Recht weil alle anderen Idioten sind. Wie so oft liegt die Wahrheit aber irgendwo dazwischen. Direkt nach dem Stechen bekommt man einen Folienverband auf das Frische Kunstwerk. Nun sagen einige runter damit sobald man zu Hause ist, andere meinen frühestens nach 16 Stunden, wieder andere wollen sogar dass man den wechselt und 3-5 Tage mit Folie rumläuft. Falsch ist auf jeden Fall die Folie zu lange drauf zu lassen, das richtet sich auch nach der Tageszeit zu der man gestochen wurde. Wurde man morgens oder vormittags tätowiert kann die Folie ab wenn man zu Hause ist, war es eher abends ruhig über Nacht lassen. Grundsätzlich ist es aber am besten die Folie nach spätestens 6-8 Stunden zu entfernen da die Haut darunter sehr stark schwitzt und die Wundwasserausschüttung beschleunigt wird. Ist die Folie ab wird die Haut mit lauwarmem Wasser leicht gespült. Zum Abtrocknen nichts fusseliges nehmen, am besten gar nichts aus Stoff. Küchenrolle eignet sich am besten und auch mit der sollte man hübsch vorsichtig sein. Das Tattoo ist in dieser Phase noch extrem empfindlich. Nun sollte die Stelle desinfiziert und dann eingecremt werden. Bei der zu verwendenden Creme gibt es auch wieder viele Meinungen. Panthenolhaltige Heilsalbe ist aber in jedem Fall das richtige. Auf keinen Fall benutzt man Melkfett, Vaseline, irgendwas parfümiertes oder mit etherischen Ölen. Heilsalbe ist definitiv gut, keine Experimente treiben dabei. In der nächsten Zeit das Tattoo 2-3 Mal am Tag abwaschen mit unparfümierter Seife oder ph-neutraler Waschlotion. Auf Waschlappen oder Handtücher wird auch weiterhin verzichtet, genau wie auf starke Sonneneinstrahlung und Vollbäder. Nach einiger Zeit fängt der Schorf an sich abzuschälen. Darunter hat sich zu diesem Zeitpunkt eine neue, leicht glänzende Hautschicht gebildet, die auch noch gern ein paar Tage eingecremt werden möchte.
Die ersten vier Wochen nach dem Tätowieren sind direkte Sonneneinstrahlung, Solarium, Kontakt mit chlorhaltigem Wasser und Sauna völlig tabu. Nach spätestens sechs Wochen sollte man seinen Tätowierer zur Nachsorge aufsuchen.

Das soll es erstmal gewesen sein mit dem ersten Teil zu dem Thema. Im zweiten Teil beschäftigen wir uns mit der Wahl des richtigen Tätowierers.


Dazu im Postpla.net :  Kein Thema angegeben
Geschrieben von Bodo am 29.07.07 18:06 (seit dem 26859 mal gelesen)
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Aktuelle Kommentare zu Der kleine Tattooknigge

Kommentar Von Felicitas (30.07.07 12:41):
BILDER!

großaufnahme dieses nadelbündels?
wie sehen die 2 maschinen aus?
aufbau der haut für leute die nie im biounterricht der 7. klasse waren usw. ;)

mit bildern fänd ichs nen tick besser, aber ansonsten: ich mag den schreibstil und informativ isses eh ohne ende. gefällt.
:D :) :o :p :( ;) [B] [I] [U] [D] [URL] [EMAIL] [-][+] Neuer Kommentar Kommentar abgeben :

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