Postpla.net: Community-Forum

Zeitrausch & Welt  ->  Artikel über Kultur und Gesellschaft

Insgesamt 70 Einträge mit 126378 Zugriffen seit 23.06.2005

Der Amoklauf von Emsdetten

Über das wie, das warum und die Frage der Schuld



Click for Big
stern.de
Emsdetten. Montag, der 20.11.2006. Geschwister Scholl Realschule, morgens. ein 18 jähriger Ex-Schüler betritt das Gebäude, zündet Rauchbomben und beginnt um sich zu schiessen. Mehrere Schüler und Lehrer werden verletzt. Zuletzt erschiesst sich der Täter selber.

Reaktionen

Sofort beschlagnahmen Polizisten den Computer des Sebastian B.. Seine Homepage wird offline genommen, sein Lifejournal zensiert, Foren löschen die Beiträge des ResistantX und manchmal sogar seinen Account. Am Nachmittag schon, fordern Politiker das Verbot von sogenannten "Killerspielen". Weitere Politische Reaktionen bleiben aus.

Das Warum

Wie oben beschrieben war für Politiker und Jugendforscher schnell das "Warum" gefunden. Sebastian B. lief wegen GTA 3, Counter Strike und diverser anderer sogenannter Killerspiele Amok. Die Tat hinterlässt trotzdem Fragen. Warum läuft ein 18-jähriger in einer Schule Amok? Weil er das in den Killerspielen gesehen hat? Wohl kaum.

Sebastians Abschiedsbrief, lässt tief blicken. Ein Jugendlicher mit viel Wut und Hass im Bauch, waffenvernarrt und vor allem gefrustet. Ein Soziopath, fern jeder realitätsvorstellungen mit ausgeprägt anarchistischer und individualistischer Ader. Kurzum, ein Freak. Er will Rache, und er bekommt sie.

Werdegang eines Soziopathen

Kein Mensch wird Soziapathisch geboren. Um diesem Wort gerecht zu werden braucht es Jahre und eine Menge schlechte Bedingungen und Erfahrungen. Sebastian schreibt das sein Weg schon mit 6 Jahren begann. Nämlich als er eingeschult wurde. Menschen entwickeln sozialverhalten indem sie sich mit anderen Menschen beschäftigen, unterhalten und leben, vorrausgesetzt man wird nicht von den anderen ausgestoßen. Auch durch die Eltern erlangt man gewisses soziales Verhalten, vorrausgesetzt diese sind zuhause und nicht auf der Arbeit.

Schnell begann Sebastian zu merken das ihm das schiere Streben nach Geld, Ansehen und Gütern nicht gefällt, er will er selber sein, er will sich nicht anpassen und so akzeptiert werden wie er ist. Wird er aber nicht. Schnell mutiert er zum ausgemachten "Freak". Zieht sich schwarz an, hört andere Musik, verbringt seine Freizeit am Computer. Schnell wird er von seiner Umgebung ausgestossen, weil er anders ist, weil er nicht zu ihnen passt. Mit dem Freak möchte keiner reden, mit dem Freak abgeben ist uncool, der Freak ist zu unserer belustigung da.

Gewalt erzeugt Gegengewalt. Das sagen schon die Ärzte im "Schunder Song". Soziales Desinteresse und Abneigung erzeugt ebenso beim "Opfer" soziales Desinteresse und Abneigung, ab einem gewissen grad sogar Hass. So war es bei Sebastian B.. Gemobbt, geprügelt und gemieden kapselt sich der Jugendliche schnell ab, flüchtet in seine eigene Welt und das Internet, wo er akzeptiert ist. Soziales Verhalten lernt er nie.

Sebastian war kein dummer Junge. Er erkannte schnell den Grund für das Mobbing. Und strebte deshalb wahrscheinlich daraufhin weiterhin er selber zu sein. Er gab den verhassten Gruppen eigene Namen wie Muchels und Jocks. Seine Umgebung reagierte mit Ignoranz. Der Freak ist allen egal.

Sebastian entwickelte schnell ein verqueres Weltbild, ausgeprägten Narzissmus und Egozentrik. Wenn man niemanden hat für den man was tun kann, und will dann tut man alles für sich selbst. Sebastian verstand auch das System nicht was ihm eigentlich half, weil soviel anderes auf ihn einwirkte. Nur eines der Dinge die man in der Schule nicht lernt.

Der Egoist gegen die Egoisten

Click for Big
Homepage
Sebastian war nicht der einzige Egoist in seinem Umfeld. Egoismus hat sich heute mehr durchgesetzt denn je. Jeder macht nur noch alles für sich selber, nimmt anderen etwas zum eigenen profit. Soziales Engagement findet man bei den wenigsten. Mobbing ist an jeder Schule Alltag und Jugendliche sind sich gar nicht dem bewusst was sie mit Worten in anderen Menschen anrichten kann.

Dies ist eine der Ursachen des Amoklaufs: Die wachsende Ignoranz der "Egal"-Gesellschaft. Schüler sind oft wenig politisch und sozial gebildet und wollen dies auch nicht sein. Handys und Klamotten sind für die meisten viel wichter, als der Besitzer des Handys und der Klamotten als Mensch. Wer was hat, gehört dazu, wers nicht hat und nicht mitmacht gehört nicht dazu. Und wird gnadenlos verachtet, obwohl er keinem was böses angetan hat. Wenn er sich wehrt wird es nur schlimmer. Das Miteinander wird im Bildungsstrom vernachlässigt. Auch in den Schulen selber wird mehr Mathematik unterrichtet, als soziale und emotionale Intelligenz und Engagement gefördert werden. Wie denn auch? Bei übervollen Lehrplänen und Klassenstärken von über 30 Schülern ist es dem einzelnen Lehrer kaum möglich auf den Schüler im individuellen einzugehen und soziale Kompetenz zu vermitteln.

Die wachsende Eiseskälte einer Gesellschaft im Konsum und Leistungswahn ist nur eine Ursache für solche Verzweiflungstaten von Menschen wie Sebastian, die mit diesen Dingen nicht klarkommen, bzw. Abfallprodukte der Gesellschaft sind. "Jeder ist für seine Taten selber verantwortlich" ist schnell dahin gesagt.

Wo waren die Eltern?

Click for Big
img.stern.de
Vermutlich arbeiten. Wie viele Eltern in Deutschland, werden Sebastians Eltern auch beide berufstätig gewesen sein. Viele Eltern warten mit dem Neueinstieg ins Berufsleben bis zur Jugendlichen Phase der Sprösslinge, in der die Elterliche fürsorge scheinbar weniger gebraucht wird. Das ist kein Vorwurf an die Eltern. Eltern stehen vor der Wahl, sozialer Abstieg oder weniger Zeit mit den Kindern. Die meisten wählen den zweiten weg, auch der Kinder willen.

Da kommt die Frage auf, was Mütter und Väter so dazu zwingt Ganztagsstellen anzunehmen und ihre Kinder allein zu lassen. Das Problem ist altbekannt und wurde genug diskutiert: Angst vor Arbeitslosigkeit. Wenn man einmal arbeitslos ist dann ist es schwer einen neuen Job zu finden, deswegen behalten Eltern oft ihren alten Job und millionen von Kindern werden zu sogenannten "Schlüssel Kindern". Wie nötig es ist, das die Eltern nach der Schule zur Verfügung stehen zeigt auch der Fall Sebastian. Hätte Sebastian weniger düstere Gedanken und weniger anarchistische und sozipathische züge gezeigt wenn die Eltern nach einem Mobbing sofort dagewesen wären? Hätte sich Sebastian nicht in die virtuelle und imaginäre Welt geflüchtet und wäre zu seinen Eltern gegangen?

Die Entfremdung der Eltern von den Kindern ist eine Entwicklung in Deutschland die seit Jahren zu beobachten ist, man wähnt die Kinder in der Schule in Sicherheit, der Fall Sebastian zeigt in vielerlei hinsicht das Schule nicht sicher ist.

Zu diesem Absatz eine Korrektur: Sebastians Mutter war Hausfrau. Trotzdem fragt sich wo sie war.

Die alte Leier: Killerspiele

Eben sprach ich von der wachsenden Ignoranz der Gesellschaft gegenüber den Mitmenschen. Diese Ignoranz findet sich auch in vielen Politikern wieder. Wer glaubt nach Erfurt und Columbine noch daran das Killerspiele allein solche Verzweiflungstaten hervorrufen? Wer das denkt, hat die wahren Probleme nicht erkannt. Ich sage Verzweiflungstat, weil der Amoklauf eine Verzweiflungstat war, weil kein anderer Ausweg mehr gesehen werden konnte. Genauso ist es eine Verzweiflungstat von den Politikern, jetzt auf Verbote zu pochen, wo alte Probleme mehr den je ins Licht rücken. Jeder weiss das es damit nicht getan ist. Niemand bestreitet das Gewalt in Spielen auf labile Menschen eine gefährliche Wirkung haben kann. Aber die allermeisten können jedoch Virtualität und Realität unterscheiden. Genauso negativen Einfluss hätten dann auch Folgen der Serie "Tatort". Mit hoher Wahrscheinlichkeit wurden viele Morde durch in dieser Serie gesehene Vorgehensweisen begangen. Genauso paradox ist es das man auf der einen seite virtuelles Töten verbieten will, jedoch immer wieder Rekruten für die Bundeswehr wirbt um ihnen den Dienst an der Waffe zu zeigen. In der Realität hat man eine Waffe, nicht Maus und Tastatur. Wer solch ein Problem mit einem solchen Verbot zu lösen versucht, kann auch bei anderen Problemen keine wirklich gute Lösung anbieten.

Fazit:

Es ist eigentlich unpassend, zu solch einer emotionalen Tat ein wissenschaftlich anmutendes Fazit zu schreiben. Nur fehlt der deutschen Sprache leider ein Wort dafür. Was nicht getan werden muss ist Pseudomaßnahmen wie das Verbot von Killerspielen zu fordern. Was getan werden muss ist soziales Engagement und Einsatz zu fördern und wiederzubeleben. Das Interesse am Menschen und vor allem Toleranz für anders gekleidete, denkende und aussehende Menschen muss gefördert werden. Kleider machen eben nicht leute. Was getan werden muss ist, den Eltern mehr Möglichkeit zu bieten sich um ihre Kinder zu kümmern. Dies ist nur machbar durch änderungen auf dem Arbeitsmarkt, zum beispiel subvention der Halbtagsstelle für Eltern, sodass sie mit ihren Kindern zuhause sind. Aber auch eine allgemeine verbesserung der Arbeitssituation ist nötig. Was getan werden muss, ist den Lehrerberuf beliebter und erträglicher zu machen, sodass es mehr Klassen gibt und mehr möglichkeit auf den Einzelnen einzugehen. Was getan werden muss, und das von uns allen, ist mehr auf seine Mitmenschen zu achten, einzugreifen wo man menschenverachtende Verhaltensweisen sieht und den emotional wie finanziell und physisch schwachen zu helfen. Sebastian und die Opfer seines Amoklaufs, Robert Steinhäuser und die Toten und Verletzten in Erfurt sind schon genug Opfer einer Welt in der Menschlichkeit immer mehr von Ignoranz, Egoismus und Gier verdrängt wird. Die meisten Menschen kennen die Wirkung ihres Mobbings nicht, weil sie es selber nicht erlebt haben. Ich kenne sie schon und deswegen ist mir vieles klar was Sebastian gedacht und getan hat.

Es muss nicht nochmal passieren. Aber dafür muss jeder einzelne etwas tun.

OrionX, Schüler, Killerspiel-Spieler, "In Extremo"-Hörer, Forenmod, Schwarzträger. Kein Amokläufer, kein Mörder.

Mehr Bilder:

stern.de


Dazu im Postpla.net :  Amoklauf in Schule - Counterstrike schuld.
Geschrieben von OrionX am 22.11.06 17:05 (seit dem 1784 mal gelesen)
77.1% /  Lupuz Rank 8  Mit insg. 14 Bewertungen erreichte dieser Artikel 77.1 Prozent.
Bewerte mit (nur für Benutzer) :

Ähnliche Artikel zu Der Amoklauf von Emsdetten

Aktuelle Kommentare zu Der Amoklauf von Emsdetten

Kommentar Von einem Gast (06.02.07 21:28):
Wenn in der Schule was schiefläuft (Mobbing), warum sind dann die Eltern schuld und nicht die Schule? Und Sozialkompetenz ist ein Modewort. Man kann auch mit sozialkompetenz ein A****loch sein. ;)
Kommentar Von einem Gast (01.02.07 21:03):
Ist gut wenn er immer fertig gemacht wird soll er sich halt rächen. Wenn man immer von mitschülern gehänselt wird dann dreht man halt irgendwann durch. :)
Kommentar Von Cola (25.01.07 16:11):
Grausam wirklich, aber der Artickel gefällt mir richtig gut, ist schön spannend und verständlich geschrieben
:D :) :o :p :( ;) [B] [I] [U] [D] [URL] [EMAIL] [-][+] Neuer Kommentar Kommentar abgeben :

Artikel Autor