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Alternative "Freies Leben"?"Rainbow Familien" kapseln sich von der Gesellschaft ab
Auf dem Gelände, einer alten verfallenen Mühle mit riesigem Grundstück, Scheunen, Gewächshäusern, Garten mit Kräutern und Weideland mit Schafen und Ziegen wohnen eigentlich nur zwei Menschen mit Kind, zum "Tag der offenen Tür" hielten sich aber rund 15 Leute auf dem Areal auf. Teilweise waren diese schon länger hier und zum Großteil auch mit genügend Vor- Erfahrungen und Eindrücken um für sich selber entschieden zu haben dieser oder einer anderen "Rainbow-Kommune" anzuschließen - oder gar eine eigene zu Gründen. Die ersten paar Stunden auf dem Hof hatte ich so meine Bedenken: die Leute waren großteils sehr esoterisch-öko-schamenhaft drauf und ich hatte absolut keinen Bock mir ihre Meinung aufdrücken zu lassen. Überhaupt fühlte ich mit meiner Modernität etwas fehl am Platz. Die Mühle verfügt über einen Stromanschluss, teilweise sind die Räume sogar beleuchtet und werden, nach und nach, wieder hergerichtet. Dabei durften dann auch alle Tatkräftig helfen: der Tagesablaufplan besteht aus aufstehen, gemeinsamer Gesprächs- Meditationsrunde, gemeinsamen Frühstück, arbeiten, Mittagessen und Siesta, arbeiten bis zum Abendessen, wieder einen Gesprächskreis zum Ausklang. Der Terminplan wurde aber eigentlich nie eingehalten. Eine Uhr gab es eh’ nicht - und so wurde mehr geschätzt wann es Zeit für was ist. Neben dem Stromanschluss gab es sogar Analogtelefon, und ich war doch etwas erstaunt dass der Besitzer sogar über einen Labtop und Modem verfügt und das Internet sogar nutzt. Er war auch sehr angetan endlich mal zwei Computerfuzzies am Gelände zu haben und einige angesammelten Problemchen der letzten Jahre und Fragen wie man eigentlich eine Webseite ins Netz stellt loszuwerden. Letzteres wird sogar gemeinsam angegangen. Fließendes Wasser gibt es keins: das Wasser wird (natürlich arschkalt) aus einer Quelle auf dem Gelände angezapft. Als Toilettenersatz findet man einen ausgehobenen Graben der nach jedem Geschäft wieder mit Erde überworfen wird bis irgendwann irgendwo ein neuer Graben geschaffen wird. Und wehe nun fragt jemand nach einer warmen Dusche... auf dem Gelände herrscht Handy und Rauchverbot, meine ausgeliehene Digitalkamera durfte ich mit der Begründung "wir wollen uns hier nicht wie im Zoo fühlen" auch nicht benutzen - daher gibt es auch keine Fotos. Vllt. reiche ich mal welche nach... Den ersten Abend fühlte ich mich also, wie schon gesagt, etwas fehl am Platz. Das Abendessen ebenfalls ungewohnt: zu dem Salat der nach bewusstseinserweiternden Drogen roch und aus allerlei Kräutern, Brennnesseln und anderem undefinerbarem-"kann-man-das-wirklich-essen" bestand gab es noch Linsen und Reis. Anders als gewohnt, aber nicht unlecker - und angeblich gesund. Das Essen stellt auch eine der "Grundlagen" in dieser Kommune da: es wird auf 100% Ökologische Produkte gesetzt. Entweder selbst angebaut oder zu gigantischen Mengen auch zum Weitervertrieb von Ökologischen Großhändlern geordert. Das Essen war aus Rücksicht vor den Besuchern vegetarisch - die Bewohner der Mühle waren allerdings selber keine Veganer. Wie bei dem Essen gingen auch die Intentionen WARUM man eigentlich auf alles Moderne und den damit verbundenen Luxus verzichten sollte teilweise auseinander. Für die einen steht eine Naturverbundenheit und ein Weg zurück zur "Mutter Erde" vorne, andere wollen sich den Zwängen der Gesellschaft mit ihrer Schnelllebig- und Oberflächlichkeit entziehen, wieder für andere steht die durch das zusammenleben entstehende Gemeinschaft an erster Stelle und andere versuchen ihren Spirituellen Frieden zu finden. Grenzen dabei gibt es keine - meistens ist es doch ein Mischmasch aus allem. Schwierig dabei: wo findet man den gemeinsamen Nenner, auch in der Bedürfnisbefriedigung? Die Bedürfnisse der Menschen gehen (allgemein) nun mal auseinander: Für den einen ist es ein Wasseranschluss, der andere möchte Strom, für den anderen stellt ein Internetanschluss ein Primärgut dar, wieder andere rauchen Haschisch oder nutzen ein Handy, andere haben entschieden sich vegetarisch oder sogar veganisch zu ernähren... je grösser eine solche Gruppe wird, umso schwieriger wird es Kompromisse auf ein für jeden Akzeptables Niveau zu finden, vor allem da meist die Einstellung warum man irgendetwas NICHT möchte sehr ausgeprägt ist und man, vielleicht, wieder etwas von sich selber aufgeben muss um dem anderem "sein" Plessierchen zu gönnen. Von solchen Differenzen merkte man in der Gruppe die ich besucht habe allerdings wenig. Es war ja auch nur ein Test für viele. Die aufkommende Herzlichkeit schon nach einem Tag sollten auch nicht durch solche Differenzen zerbrochen werden, und das war ja auch gar nicht nötig. Fazit: für mich persönlich habe ich schon nach kurzer Zeit gemerkt: das ist nichts für mich. Ich will morgends aufstehen, eine warme Dusche und heißen Cappuccino genießen, genieße ebenfalls das Stadtleben mit all seinen Vorzügen und bin froh meinen gesamten Tagesablauf nicht mit der Beschaffung von Materialien zu "verschwenden", wenn ich das ganze auch für 50 Cent im Aldi gegenüber kaufen kann. Trotzdem war ich sehr angetan von dem Lebensstil der für mich kaum vorstellbar schien - aber sich doch als umsetzbar erwies. Witzig fand ich einen Satz am Abendessen: "früher haben sich die Leute die so Rumsitzen wie wir gerade wohl Gedanken darum gemacht wie man alles moderner und besser gestalten könnte - heute sitzen wir hier und überlegen wie man das alles wieder umkehrt". Schon komisch eigentlich, und mir stellte sich die Frage warum man die "Freiheit" der Modernen Gesellschaft aufgibt um dann sagen zu können wirklich frei zu sein? Ist man das nicht auch so - gigantische Möglichkeiten, und man pickt selber für sich die Sachen raus die man für seine persönliche Freiheit braucht? Warum auf Luxus verzichten, den man sich dann selber mit viel Arbeit auf Umwegen letztendlich eh’ wieder beschafft? Warum nicht einfach die eigene Spiritualität in der Stadt ausleben, die Gedanken sind doch frei, und in den Kopf wird man auch trotz Überwachungskameras und Bioausweisen nicht hineinsehen können? Beantwortung der Fragen erfolgte im Gespräch - und über die Zeit habe ich gemerkt das ich meinen Ersteindruck der dort lebenden Menschen verwerfen musste. Mir wurde nichts "aufgedrückt", ich war schnell auch als Kritiker in der Runde eingelebt und akzeptiert und es gab wirklich schöne Gespräche. Über Massen- und Ökologische Produktion, Wirtschafts- und Geldsysteme, Religionen, Kulturen und Reiche, Politik, "freies Leben", Rainbow treffen und und und... Die Leute kommen sehr gut klar, sind sehr dankbare und selbstlose Menschen; und tragen eine sehr "motivierte Energie" in sich um das harte Leben zu meistern. Und es funktioniert. Und ja, man kann sich sogar wirklich daran gewöhnen. Der zweite Tag war für mich schon wesentlich bereichender und ich spürte wirklich wie die Arbeit, die Ruhe und das gesunde Leben (abgesehen von den Zigaretten die ich mir hin und wieder außerhalb des Geländes gegönnt habe Trotzdem war ich ganz froh in der Nacht wieder in die Zivilisation zurückzukehren. Der Fernseher und Computer blieben trotzdem für die Nacht aus und ich nutzte die Ruhe der Großstadtwohnung für etwas was häufig viel zu kurz kommt: dem nachdenken! Dazu im Postpla.net : Kein Thema angegeben Geschrieben von Anarchnophobia am 11.10.05 14:02 (seit dem 5838 mal gelesen) Ähnliche Artikel zu Alternative "Freies Leben"?
Aktuelle Kommentare zu Alternative "Freies Leben"?Die Freiheit der heutien Zeit besteht ja letztendlich darin, dass sich jeder seinen Lebens- und Konsumstil selbst wählen kann. Du hast also die Freiheit, dich für ein Leben in der Stadt zu entscheiden oder in solche einer Komune oder noch anders. Guter Artikel! Ich kann den Grundgedanken sehr gut nachfühlen. Die heutige Gesellschaft zu verlassen ist eine sehr gesunde Entscheidung. Mit so vieler positiver Energie könnte ich allerdings nicht umgehen. Hervorragender Artikel, kritisch aber offen geschrieben, interessant und vielseitig. Man kann sich gut in die Situation hineinversetzen. Fände ich sicherlich auch interessant, so eine Rainbow-Community zu besuchen. |
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